Das Magazin, Nr. 22, 6.6.2003
"Freitagnacht im Mittelland"
Was tun, wenn man jung ist, ein Landei und man trotzdem Spass haben will, so fragt Guido Mingels, und entführt uns in den Kanton Solothurn. Weiter nicht schlimm, nicht mal das 'Landei' stört mich sonderlich, auch nicht, dass er verschweigt, dass in einem Grossteil der Schweiz eine Freitagnacht für Jugendliche so aussieht, wie er sie beschreibt.
Die herabschauende Art aber, in der Guido über Solothurn schreibt, könnte einen zu einer unkontrollierten Affekthandlung bewegen. Doch ich habe meinen diesbezüglichen Instinkt gezähmt, zu lange schon bin ich mir die Berieselung durch den Alltragsrassismus Züricher Art gewöhnt.
Deshalb hier nur einige Passagen aus Guidos Artikel - und die Möglichkeit, Guido eine Postkarte zu schicken.
Solothurner Mittelland: Nirgends ist die Schweiz unauffälliger. Eine Gegend ohne Eigenschaften. Es gibt weder Berge noch Städte, weder Kleinbauern noch Grossindustrie, weder Politik noch Schlagzeilen, weder Schönheit noch Hässlichkeit. Alle anderen haben irgendetwas: Die Alpenkantone sind urchig, die Innerschweiz ist störrisch, die Ostschweiz vulgär, die Westschweiz weit weg. Sogar der Aargau wird immerhin gehasst. Aber Solothurn? Hier wird alles Kantige flach geschliffen, selbst in der Sprache, wo ein butterweicher Zungenschlag alle Ts zu Ds glättet. Soledurn. Midduland. Und durch alles hindurch zieht sich das Asphaltband der A1 wie ein grosser Zensurbalken über die Landkarte: bitte ignorieren. Bitte weiterfahren.
Vorbei auch an all den KMUs, die Motorspritzentechnik, Elektroinstallationen oder Kachelöfen anbieten. Denn hier ist alles KMU: klein, mittelständisch, unternehmerisch. Dann, endlich, kommt die Autobahn. Links geht es nach Bern und Genf, rechts nach Zürich, Basel, Gotthard. Das wäre doch ein Ausweg, denkt man, man könnte doch jederzeit weg. Gib Gas, Mägi. Auch wenn das Glück nur bis zur nächsten Ausfahrt dauert.
Ins Bernische fahren sie quasi nie zum abfuere. Bern sei irgendwie eine andere Welt, findet Tömu. Komisch eigentlich. Koppigen zum Beispiel liegt ja gerade hinter Tömus Heimatdorf Recherswil, aber trotzdem ist dort alles ganz anders. "Wir sind halt Solothurner und nicht Berner", sagt Tömu. In die Stadt gehen sie auch nie. Die Stadt, das bedeutet hier: Solothurn. Dort läuft nichts. Nie.
"am zähni z'deitige vor dr halle, bis dänn!"
Kleiner Lapsus bei der Transkription, Guido: wir sagen "denn", nicht "dänn". Und eigentlich heisst es auch "Haue" und nicht "Halle". Aber sonst: alles sehr solide und bodenständig. Respekt!
[Das Magazin, Nr. 22, 2003, S. 22-29.]
